Am 10. Oktober 2010 finden in Wien Gemeinderats- und Landtagswahlen statt. Der ÖGKV nimmt dies zum Anlass bei allen wahlwerbenden Parteien nachzufragen, wie diese die aktuellen gesundheitspolitischen Herausforderungen bewerten und welche Maßnahmen zur Verbesserung/Entwicklung diese vorschlagen.
SPÖ Wien
ÖGKV: Welche nachhaltigen Rahmenbedingungen wollen Sie bieten um den Pflegeberuf als Beruf attraktiver zu machen und damit die Pflege für Wien im intra- und extramuralen Bereich zu sichern?
SPÖ: Die Stadt Wien unternimmt große Anstrengungen, um die Pflege für die WienerInnen zu sichern. Es befinden sich derzeit rund 2.100 SchülerInnen in den Schulen für Gesundheits- und Krankenpflege der Stadt Wien in Ausbildung. Jedes Jahr bekommen rund 550 AbsolventInnen ihre Diplome überreicht. Damit ist die Stadt Wien in diesem Bereich der größte Ausbildner in ganz Österreich, und das zu attraktiven Bedingungen:
Die SchülerInnen sind versichert, bekommen ein Taschengeld und können bei Bedarf auch günstig in einem Wohnheim leben, um so ihre Ressourcen optimal auf die Ausbildung auszurichten.
Neben den Schulen des Krankenanstaltenverbundes unterstützen der Wiener ArbeitnehmerInnen-Förderungsfonds (waff) mit dem Programm "Wege in die Pflege" Arbeitssuchende und an Weiterbildung Interessierte. Das holt jährlich zusätzlich hunderte Personen in den Pflegeberuf.
Neben den unterschiedlichen attraktiven Ausbildungsmöglichkeiten stellt auch der dynamische Wiener Gesundheits- und Pflegebereich einen Anreiz dar. Im Rahmen des Spitalskonzepts wird etwa mit dem Krankenhaus Nord ein Spital errichtet, das künftig einen interessanten und modernen Arbeitsplatz bieten wird. Im Rahmen des Wiener Geriatriekonzepts werden an neun Standorten neue Pflegewohnhäuser errichtet. Darüber hinaus gibt es eine Generalsanierung der betreffenden Häuser.
Gleichzeitig werden die mobilen Dienste forciert, damit Menschen auch bei Pflege- und Betreuungsbedarf weiterhin in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können.
All die genannten Punkte zeigen, dass die Stadt Wien sehr an allen in der Pflege tätigen Menschen interessiert ist und vieles unternimmt, um diesen Beruf in Zukunft weiterhin attraktiv zu gestalten. Für mobile sowie stationäre Pflege und Betreuung wird mit über 700 Millionen Euro im Jahr viel Geld in die Hand genommen.
Im internationalen Vergleich wird eine Quote von 10 Prozent ausgebildeter Pflegewissenschafter gefordert, das entspräche nach Schätzungen für Österreich einer Zahl von ca. 4.000 akademisch gebildeten Pflegepersonen. Was wird Ihre Partei zur Förderung der Pflegewissenschaft in Wien unternehmen?
Die Pflegewissenschaft liefert zahlreiche Impulse, die im Bereich der Stadt Wien aufgenommen und weiterverarbeitet werden. Auch Pflegewissenschafter arbeiten in den entsprechenden Dienststellen. Gleichzeitig muss betont werden, dass die Stadt Wien für die Pflegewissenschaft an sich keine Zuständigkeit besitzt. Für eine Förderung der Pflegewissenschaft sind die entsprechenden Stellen im Ministerium für Wissenschaft und Forschung zu kontaktieren.
In Österreich gibt es, im Gegensatz zu vielen EU-Mitgliedsstaaten bislang kein zentrales Melde- und Erfassungssystem für Angehörige der Pflegeberufe. Werden Sie, unter anderem zur Schaffung einer validen Datengrundlage für Pflegeangebots- und Bedarfsplanung, das Einrichten einer Standeslistenführung für Fachpflegepersonen unterstützen? Wenn ja, wo sollen diese Daten zentral gepflegt bzw. erhoben werden?
Die Stadt Wien betreibt eine Pflegebedarfsplanung, die zahlreiche Datengrundlagen einfließen lässt und so eine Grundlage für die Planung von unterschiedlichen Angeboten der Pflege liefert. Hier wird intensiv mit dem Dachverband der Sozialeinrichtungen, dem Wiener Krankenanstaltenverbund und dem Fonds Soziales Wien zusammengearbeitet.
ÖVP Landtagsabgeordnete und Gemeinderätin Ingrid Korosec
ÖKGV: Welche nachhaltigen Rahmenbedingungen wollen Sie bieten, um den Pflegeberuf als Beruf attraktiver zu machen und damit die Pflege für Wien im intra- und extramuralen Bereich zu sichern?
Korosec:Dank des medizinisch-technischen Fortschritts ist die Lebenserwartung der Menschen in den letzten Jahren gestiegen. Quantität, also die Zahl der Lebensjahre allein, ist jedoch nur ein Faktor, mit dem wir konfrontiert werden. Es gilt auch eine möglichst hohe Lebensqualtität im hohen Alter zu sichern.
Sozial- und Gesundheitsberufe, dazu gehört auch der Pflegeberuf, sind für mich Zukunftsberufe. Was mir fehlt, ist die gezielte Förderung der nachhaltigen gesellschaftlichen Akzeptanz der von den Pflegekräften erbrachten Leistungen. Pflege ist keine „Hilfsdisziplin“ der Medizin, denn dazu ist das Aufgabenspektrum längst zu umfangreich geworden.
Um mehr Akzeptanz und auch Attraktivität des Pflegeberufs zu erreichen sind für mich folgende Faktoren wichtig:
Im internationalen Vergleich wird eine Quote von 10 Prozent ausgebildeter Pflegewissenschafter gefordert, das entspräche nach Schätzungen für Österreich einer Zahl von ca. 4.000 akademisch gebildeter Pflegepersonen. Was wird Ihre Partei zur Förderung der Pflegewissenschaft in Wien unternehmen?
In Wien gibt es eine Fachhochschule für die Pflege, hier wäre ein Ausbau jedenfalls notwendig. Die Fachhochschulausbildung mit Bachelorabschluss sollte die Grundausbildung für alle diplomierten Pflegepersonen sein, eine universitäre Bildung mit Masterabschluss sollten ca. 10 Prozent der diplomierten Pflegepersonen abschließen. Die Wiener ÖVP unterstützt selbstverständlich weitere Bemühungen entsprechende Bildungsangebote zu schaffen.
Neben der Bildung sind Berufsentwicklung und Entwicklung der Pflegestrukturen, vor allem im extramuralen Bereich zu fordern. Mit Berufsentwicklung und Akademisierung hängt der Status der Pflegepersonen zusammen, der dringend angehoben werden muss. Dafür ist auch eine entsprechende Höhe des Gehalts erforderlich.
In Österreich gibt es, im Gegensatz zu vielen EU Mitgliedsstaaten bislang kein zentrales Melde- und Erfassungssystem für Angehörige der Pflegeberufe.
Werden Sie, unter anderem zur Schaffung einer validen Datengrundlage für Pflegeangebots- und Bedarfsplanung, das Einrichten einer Standeslistenführung für Fachpflegepersonen unterstützen?
Wenn ja, wo sollen diese Daten zentral gepflegt bzw. erhoben werden?
Ein Erfassungssystem, das in den meisten EU-Ländern funktioniert, besteht in einer Registrierung der Pflegepersonen. Diese Registrierung hat sehr viele Vorteile, zum Beispiel auch zur genauen Erfassung der Anzahl der Pflegenden, zur Erfassung des Bildungsniveaus der Einzelnen und zur Berechnung des Pflegebedarfs. Ein solches Erfassungssystem ist daher notwendig, dieses könnte der Verband für die Angehörigen des Berufes schaffen. Der Verband sollte sich für die Angehörigen des Berufes als attraktiver Partner positionieren (die Mitgliedschaft beim Verband muss aber auf Freiwilligkeit beruhen). Derartige Initiativen werden von der ÖVP Wien natürlich unterstützt werden.
Die Grünen Wien, Gesundheitssprecherin Dr. Sigrid Pilz
ÖGKV: Welche nachhaltigen Rahmenbedingungen wollen Sie bieten um den Pflegeberuf als Beruf attraktiver zu machen und damit die Pflege für Wien im intra –und extramuralen Bereich zu sichern?
Pilz: Es besteht kein Zweifel daran, dass die Rahmenbedingungen für Pflegende sich dringend verbessern müssen, um den zukünftigen Bedarf an qualifizierter Pflege und Betreuung zumindest annähernd decken zu können. Bereits derzeit kann, was die Verfügbarkeit von Pflege- und Betreuungspersonal in der Hauskrankenpflege und in der Betreuung/Pflege von alten Menschenbetrifft, von einen Pflegenotstand gesprochen werden.
Trotz vieler Lippenbekenntnisse von zuständigen Bundes- und LandespolitikerInnen gibt es bei den konkreten keine Verbesserungen.
Die Grünen fordern seit langem:
1. Die Arbeitsbedingungen müssen familienfreundlicher werden
2. Die Pflegenden müssen von berufsfremden Tätigkeiten entlastet werden
3. Es müssen spezielle Einsatzmöglichkeiten für Pflegende, die selbst über 50 Jahren alt sind, bzw. Pflegende, die selbst gesundheitlich eingeschränkt sind, gefunden werden
4. Die Bezahlung, insbesondere das Grundentgelt, muss deutluich erhöht werden.
5. Die Pflege muss sich von der Medizin emanzipieren – gleiche Augenhöhe mit allen anderen medizinschen und paramedizinischen Berufen ist für eine Attraktivierung der Pflegeberufe unbedingt notwendig. Das überkommene Konzept der Pflegeberufe als „Hilfsdienst“ für ärztliches Handeln, darf nicht länger fortgeschrieben werden.
6. Die Ausbildung des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege muss für alle Auszubildenden auf einer Fachhochschule stattfinden.
7. Die Ausbildung ist bundesweit einheitlich zu regeln.
8. WiedereinsteigerInnenprogramme für Personen, die in die Pflege zurückkehren wollen, sind finanziell und hinsichtlich der Ausbildung attraktiv zu gestalten.
Im internationalen Vergleich wird eine Quote von 10 Prozent ausgebildeter Pflegewissenschafter gefordert, das entspräche nach Schätzungen für Österreich einer Zahl von ca. 4. 000 akademisch gebildeten Pflegepersonen. Was wird Ihre Partei zur Förderung der Pflegewissenschaft in Wien unternehmen?
Die Grünen haben in den verschiedenen Gremien (Ausschuss für Gesundheit und Soziales, Gemeinderat, Landtag, Parlament, Frauengesundheitsbeirat u.a....) immer wieder eine Akademisierung der Pflege und einen eigenen – öffentlich finanzierten – Lehrstuhl für Pflegewissenschaften gefordert.
Neben einer Ausweitung der Studienplätze für Pflegewissenschaften ist die Verankerung dieses neuen akademischen Berufs in die Strukturen von Krankenanstalten, Behörden und gemeinnützügen Organisationen absolut notwendig. Derzeit werden nämlich PflegewissenschafterInnen ausgebildet, die nach ihrem Abschluss keinen Arbeitsplatz mit entsprechender Bezahlung und akademischen Arbeitsmöglichkeiten vorfinden.
Diese Situation ist für die AbsolventInnen absolut unbefriedigend und bedeutet außerdem einen gesundheits- und versorgungspolitischen Stillstand. Trotz ausgebildeter PflegewissenschafterInnen kommt es zu keiner akademischen Weiterentwicklung des Pflegealltages.
In Österreich gibt es, im Gegensatz zu vielen EU Mitgliedsstaaten bislang kein zentrales Melde- und Erfassungssystem für Angehörige der Pflegeberufe. Werden Sie, unter anderem zur Schaffung einer validen Datengrundlage für Pflegeangebots- und Bedarfsplanung, das Einrichten einer Standeslistenführung für Fachpflegepersonen unterstützen? Wenn ja, wo sollen diese Daten zentral gepflegt bzw. erhoben werden?
Es ist ein grobes Versäumnis, dass kein zentrales Melde- und Erfassungssystem für Angehörige der Pflegeberufe existiert. Über Anzahl der Pflegekräfte, Berufsverweildauer, Aus- und Fortbildungsstand der Pflegekräfte usw. kann also nur gemutmaßt werden. Jeder Personal-Bedarfsplanung mangelt es gegenwärtig an soliden Grundlagen. Das erforderliche Melde- und Erfassungssystem sollte im Bundesministerium für Gesundheit angesiedelt sein.
Pflege ist nach Ansicht der Grünen heute eine hochkomplexe und wichtige Gesundheitsdienstleistung, der die Wertschätzung, die ihr längst schon zustehen würde, immer noch viel zu wenig zu Teil wird. Neben dem oben bereits kritisierten, überkommenen Bild von Pflege als Hilfsdienst der Medizin, ist als Grund auch noch die Tatsache zu sehen, dass Pflege ein weiblicher Beruf ist. Die extremen Hierarchien im Gesundheitswesen, die ebenfalls längst schon gesundheitspolitisch und fachlich fehl am Platz sind, tragen ebenfalls negativ zur Unterschätzung und Unterbewertung der Pflege bei. Die Grünen setzten sich ein, diese Zustände zu ändern und mit der Akademisierung, der besseren Bezahlung und der Etablierung von Teamstrukturen in den Gesundheitsinstitutionen eine Aufwertung zu erreichen.