Anlässlich der bevorstehenden Landtagswahlen in der Steiermark am 26. September 2010 hat der ÖGKV Landesverband Steiermark die zuständigen PolitikerInnen der wahlwerbenden Parteien aufgefordert zu aktuellen berufs- und gesundheitspolitischen Fragen Stellung zu nehmen.
1. Wie hoch schätzen Sie den Bedarf an Pflegefachkräften in der Steiermark mittelfristig ein?
Im Jahr 1970 lebten in der Steiermark durchschnittlich 150.000 Mitbürgerinnen und Mitbürger, deren Alter das 65. Lebensjahr überschritten hatte. Im Jahr 2050 werden es Dank der verbesserten gesundheitlichen Versorgung und neuer medizinischer Erkenntnisse mehr als 350.000 Mitbürgerinnen und Mitbürger sein. Auch die Zahl jener Mitmenschen, die das 85. Lebensjahr überschreiten, steigt im Jahr 2050 auf 78.000, im Vergleich dazu waren es im Jahr 1970 noch knapp mehr als 7.000.
Aufgrund dieser demografischen Entwicklung gehen Experten daher in den kommenden Jahren in der Steiermark von einer Zahl von mehr als 100.000 Pflegebedürftigen aus für die auch entsprechend ausgebildetes Pflegepersonal benötigt wird.
2. Welche Entwicklungen sehen Sie im Langzeitpflegebereich und mit welchen Maßnahmen wollen Sie auf diese Entwicklungen steuern?
Insbesondere der stark erhöhte Langzeitpflegebedarf stellt unsere Gesellschaft und unser Land vor gewaltige Aufgaben. Die Pflege der Zukunft muss leistbar, menschlich aber vor allem sicher sein.
Das steirische BZÖ steht daher neben der Einführung und Begründung einer Pflegeversicherung für die Umsetzung des von ihm entwickelten Pflegemodells, das eine tatsächliche Erhöhung des Pflegegelds um 10 Prozent und eine jährliche, nach dem Kaufkraftindex fixierte, Valorisierung garantiert. Die Finanzierung soll durch Einsparungen im Sozialversicherungssystem und einen eigenen Pflegefonds sicherstellt werden. Mit der Zusammenlegung der Sozialversicherungsanstalten wollen wir die Reduktion auf letztendlich drei Träger: eine Unfall- und Krankenversicherungsanstalt, eine Pensionsversicherungsanstalt und die Begründung einer neuen Pflegeversicherungsanstalt.
Mit der Einführung dieser neuen Pflegeversicherung sollen das bisherige politische Pflegechaos gelöst, Mittel für eine qualitativ hochwertige Pflege bereitgestellt sowie der weitere Ausbau der Hospizbewegung in der Steiermark betrieben werden.
3. Wie schätzen Sie die derzeitigen Arbeitsbedingungen im Pflegebereich generell ein und welche Möglichkeiten planen Sie zur Verbesserung?
Das Pflegepersonal als solches hat derzeit keine starke Lobby. Kammern und Zwangsmitgliedschaften lehnen wir vom BZÖ zwar als nicht mehr Zeitgemäß ab, wir sind aber dafür, dass dem Pflegepersonal die Möglichkeit gegeben wird, seine Interessen selbst zu vertreten und sich zu einer freiwilligen Interessensvertretung zusammenzuschließen.
Diese Interessensvertretung führt dann auch die entsprechenden Verhandlungen mit den Trägern der Sozialversicherung und ist ein starker Partner für die Interessen des Personals im Pflegebereich zur Regulierung der Arbeitsbedingungen.
4. 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden derzeit von Angehörigen gepflegt, wie wollen Sie pflegende Angehörige unterstützen und entlasten- auch infinanzieller Hinsicht?
Zur Entlastung der pflegenden Angehörigen soll das Pflegegeld durch einen zweckgebundenen Pflegescheck zusätzlich erweitert werden, damit auch diese Unterstützung zukaufen können.
Zur zusätzlichen flächendeckenden Versorgung unserer pflegebedürftigen Mitmenschen treten wir für die vermehrte Einrichtung von Betreuungs- und Pflege-Tageszentren sowie mobilen Diensten ein, damit pflegende Angehörige nicht mit allen Anforderungen und Erwartungen rund um eine „perfekte“ Pflege (siehe auch Frage 5 Prävention) alleine gelassen werden.
5. Welchen Stellenwert messen Sie Geriatrischer Prävention und Rehabilitation bei und in welcher Rolle sehen Sie künftig Pflegefachkräfte bei deren Umsetzung?
Wir vom BZÖ stehen für eine nachhaltige Gesundheitspolitik die das Ziel hat die Menschen möglichst lange gesund zu halten - und das ist vor allem durch präventive Maßnahmen und Vorsorgemedizin zu erreichen. Das bedeutet jedoch keinesfalls gießkannenartig über die österreichische Bevölkerung verteilte kostentreibende Untersuchungen, sondern ein fachlich fundiertes Anreizsystem für eigene Bemühungen um die physische und psychische Gesundheit. Gerade bei der geriatrischen Prävention ist es nie zu spät und auch das Fortschreiten einer bereits bestehenden Erkrankung kann hier zumindest noch aufgehalten werden.
Aus diesem Grund sind auch die von uns unter Frage 4 befürworteten Betreuungs- und Pflege-Tageszentren so wichtig, da sie den Kontakt älterer Menschen untereinander und mit entsprechenden Pflegefachkräften ermöglichen, die hier gezielt Übungen, Spiele aber auch Therapien durchführen können.
6. Welche Schritte wollen Sie im Bildungsbereich der Pflegeberufe setzen?
Um die Lücke zwischen Pflegehelfern und gehobenem medizinischen Krankenpflegepersonal zu schließen fordern wir die Schaffung eines Lehrberufes für Pflege und Betreuung. Damit sollen mittelfristig gut ausgebildete heimische Fachkräfte für die Pflege und Betreuung zur Verfügung stehen.
Die Einrichtung und Integration eines Lehrberufes „Pflege und Gesundheit“ in das österreichische Gesundheitssystem ist für uns vom BZÖ die richtige Investition in einen zukunftsorientierten Arbeitsmarkt, wo Arbeitsplätze langfristig gebraucht werden, (siehe auch Frage 1).
7. Ist Pflegeforschung für Sie von Bedeutung und gedenken Sie Ergebnisse der Pflegeforschung in Ihre politischen Entscheidungen einzubinden?
In universitär- fachlicher Hinsicht fordern wir die Einrichtung eines eigenen Lehrstuhles für Geriatrie an der Medizinischen Universität Graz. Selbstverständlich müssen neueste Erkenntnisse und Entwicklungen am gesamten geriatrischen Sektor Leitlinien für politische Entscheidungen bilden.
8. Welche Möglichkeit sehen Sie für die stetig steigende Anzahl von spezialisierten freiberuflichen Pflegefachkräften, vor allem im Rahmen des mitverantwortlichen (medizinischen) Pflegebereichs, über den Hauptverband der Sozialversicherungen zu einer Rückvergütung der erbrachten Leistungen zu kommen?
Wir fordern von der österreichischen Bundesregierung im Rahmen der Gesundheitsreform grundsätzlich ein bundeseinheitliches Gesamtpflegekonzept. Pflege und medizinische Versorgung müssen zusammengeführt werden. Strategisch gesehen ist für Österreich ein Gesamtkonzept mit transparenter finanzieller Begleitrechnung zu entwickeln, um die Pflege in Österreich auch nachhaltig abzusichern.
Diese Gesamtstrategie erfordert das Zusammenwirken aller Beteiligten aus dem Versicherungsbereich, der Wirtschaft, den Gesundheits- und Sozialberufen, des Arbeitsmarktservice, der Sozial- und Gesundheitspolitik sowie des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger.
Hier ist die bereits unter Frage 3 genannte „Interessensvertretung des Pflegepersonals“ dann gleichberechtigter Verhandlungspartner der auch eine entsprechende Rückvergütung der erbrachten Leistungen ausverhandelt insofern sie das bundeseinheitliche Gesamtpflegekonzept nicht bereits vorsieht.
9. Welche Maßnahmen wollen Sie setzen um ausgebildete Pflegefachkräfte beim Widereinstieg in den Beruf zu unterstützen?
Ausgebildete Pflegefachkräfte sind Mangelware und haben unseres Wissens derzeit keine Probleme beim Widereinstieg in den Arbeitsmarkt.
Aber die sozialrechtliche und berufsstrategische Absicherung von pflegenden Angehörigen ist uns ein Anliegen. Analog zu den Pflegehelfern sollen hier nicht nur der Erwerb von Versicherungszeiten sondern auch gleichzeitig eine entsprechende Ausbildung Hand in Hand gehen.